Wenn man an Nigeria und die Musik von dort denkt, haben viele sofort Afrobeat im Ohr. Große Hooks, World Music Hits, globale Charts. Aber unter dieser Oberfläche wächst seit einigen Jahren eine Szene, die bewusst einen anderen Weg geht. Sie nennt sich „Alté“, kurz für „alternative“ und das ist hier mehr Haltung als Genre. (superfly.fm)
Alté steht für ein anderes Nigeria. Für Künstler und Künstlerinnen, die sich nicht in die klassischen Bilder von Erfolg und Pop einordnen wollen. Leute wie Tomi Agape, Cruel Santino, Wavy the Creator oder Lady Donli bewegen sich irgendwo zwischen Musik, Mode, Film und Internetkultur. Ihre Welt ist visuell genauso wichtig wie der Sound: Skateboards, DIY-Ästhetik, cineastische Clips. Oft wirkt das Ganze eher wie ein Kunstprojekt als wie klassisches Popmarketing. Auch musikalisch geht’s in eine andere Richtung. Statt klarer Songstrukturen bekommt man Vibes: Neo-Soul-Anleihen, ein bisschen Indie, Lo-Fi, manchmal fast schwebend. Ein Einfluss, der immer wieder durchscheint, ist dieser spirituelle, freie Ansatz, wie man ihn von Künstlerinnen wie etwa Erykah Badu kennt, nur übersetzt in einen ganz eigenen, nigerianischen Kontext.
Was die Szene zusätzlich spannend macht: Sie funktioniert weniger über Stars als über Netzwerke. Klar, große Namen gibt es auch hier, allen voran wohl Tems, die auch internationale Preise sammelt. Die Szene funktioniert aber über Kollektive, Crews, enge kreative Freundeskreise. Ein Name, der dabei immer wieder fällt, ist Odunsi-The Engine. Viele releasen gemeinsam, arbeiten visuell zusammen und pushen sich gegenseitig.
Obwohl das alles sehr global wirkt, entstanden ist die Szene ja in der großen Welt von Social Media, bleibt sie stark in Lagos verwurzelt. Im Slang, im Alltag, in dieser Mischung aus Chaos und Energie, die die Stadt prägt. Alté ist dabei auch leise politisch. Es geht um Individualität, um Freiräume, um das Spiel mit Identität. Nicht laut und plakativ wie einst der gefeierte Fela Kuti, aber immer noch deutlich spürbar und mit dem Respekt vor der Pionierarbeit dieses Afrobeat Weltstars. Vielleicht ist genau das der Reiz: Während der Mainstream nach vorne geht, dreht Alté leicht zur Seite. Musik, die nicht unbedingt sofort ins Ohr will aber lange im Kopf bleibt. Alté wirkt mit dieser oft tranceartigen Wirkung. Und man möchte sofort zum Flughafen und eintauchen… „Einmal Lagos bitte“.